Von Afghanistan in die Schweizer Berglaufszene

11. August 2022

Unser Interview mit Noor Mohammad Alizada (im Bild links), dem diesjährigen Teilnehmer und letztjährigen Zweitplatzierten. Der 25-jährige Top-Bergläufer erzählt von seiner Kindheit in Afghanistan und wie er in der Schweiz zum Laufsport (und zum Schtolle Run) gefunden hat.

Für das Interview treffen wir uns in Filzbach (GL), wo Mohammad wohnt und arbeitet. Die letzten drei Wochen waren für ihn beruflich wie auch läuferisch anspruchsvoll.

Du hast eine intensive Zeit hinter dir. Wie sah dein Programm in den vergangenen Wochen aus?
Normalerweise trainiere ich diszipliniert nach den Trainingsplänen, welche mir Elena Roos zusammenstellt. Sie ist in der Nationalmannschaft der Orientierungsläuferinnen und gibt mir wertvolle Trainingsimpulse. Die letzten drei Wochen war dies nicht möglich, da ich das Semester auf meinem Weg zum Fachmann Betriebsunterhalt (EFZ) abschliessen musste. Es gab einige schriftliche Prüfungen und eine Vertiefungsarbeit. Jetzt fehlt mir noch ein Jahr bis zum Lehrabschluss. An den Wochenenden habe ich jedoch die Laufschuhe angezogen und am Hörnli Trail (1. Rang) und am Klöntalerseelauf (2. Rang) teilgenommen.

Du bist auch dieses Jahr wieder im Startfeld des Schtolle Run und einer der Favoriten auf den Sieg. Wie würdest du die Strecke für die Leser beschreiben?
Es ist ein einzigartiger Berglauf und sehr abwechslungsreich. Du musst fokussiert bleiben, da der Untergrund immer wieder wechselt. Es hat Trails, Treppenstufen, Wanderwege und es geht bergauf und bergab. Als ich in den Stollen kam, dachte ich zuerst meine Stirnlampe funktioniert nicht. Der Wechsel von hell zu dunkel war so intensiv. Meine Augen haben sich dann schnell an die neue Umgebung gewöhnt und ich merkte, dass mit meiner Lampe alles in Ordnung war.

Im vergangenen Jahr hast du das Siegerpodest um nur 14 Sekunden verpasst. Vom höchsten Punkt der Strecke bis zurück in der Ebene lagst du in Führung. Wie hast du den Wettkampf mit dem letztjährigen Sieger in Erinnerung?
Janis Gächter und ich haben uns über lange Zeit ein Kopf an Kopf Rennen geliefert. Wir waren so im Wettkampffieber und fokussiert, dass wir einmal eine Abzweigung verpasst haben. Janis hat es zuerst bemerkt. Eine Wanderin, die weniger im Wettkampffieber war als wir, hat den Wegweiser beim Vorbeigehen gesehen und uns in die richtige Richtung geleitet. Kurz vor dem Schlusskilometer der Linth entlang habe ich meine Atmung dem neuen Untergrund nicht optimal angepasst und hatte in der Folge etwas Seitenstechen. Janis ist ein sehr starker Läufer in der Ebene und hat mich überholt.

Wie bereitest du dich auf den Schtolle Run vor?
Zum Glück habe ich jetzt Schulferien. Da kann ich sehr gezielt trainieren, mit dem Fokus auf die Berge. Vor dem Schtolle Run werde ich auch noch zwei bis drei Wettkämpfe absolvieren. Diese werden mir Rückschlüsse auf meine Form geben.

Wie bist du zum Berglauf und dem Laufsport allgemein gekommen?
Ich wollte schon als Kind irgendwann einmal eine Sportart professionell betreiben. Das war leider in dem Bergdorf in Afghanistan, wo ich aufgewachsen bin, nicht möglich. Wir lebten in einem Kriegsgebiet und an Profisport war nicht zu denken. Als 11-Jähriger bin ich mit meiner Familie nach Pakistan geflüchtet. Aus finanziellen Gründen hatte ich keine Möglichkeit Sport intensiver zu betreiben. An den Wochenenden spielte ich jedoch mit Kollegen etwas Fussball. Mit dem Laufsport kam ich erst in der Schweiz in Kontakt, als ich 2015 hier angekommen bin. In der ersten Zeit durfte ich noch nicht arbeiten und fand anfangs mit einfachem Jogging einen Weg, positiv und fokussiert zu bleiben. Der Verein «Träffpunkt» hat uns im Asylcenter in Luchsingen im Oktober 2016 angefragt, ob wir im Team mitmachen würden. Damals war ich schon einer der Schnellsten. Unter der Leitung von Anna Luchsinger haben wir in Rüti polysportiv trainiert. Da sie gesehen hat, dass es Lauftalente hat, ging sie mit uns an verschiedene Läufe wie den Zürich Marathon, den Sihlseelauf oder den Berglauf Filzbach. Durch die Familie Luchsinger konnte ich die Lehre im Sportzentrum Kerenzerberg beginnen und ab da trainierte ich nach Trainingsplänen. Bald war ich ein Podestläufer, was mich freut und motiviert.

Hast du Kontakt zu deinen Eltern und Geschwistern?
Ja, ich habe regelmässig Kontakt mit ihnen. Sie leben weiterhin in Pakistan. Meine beiden Brüder machen beide auch Sport, jedoch eher locker und nur hobbymässig.

Hast du Kontakt zu Läufern in Afghanistan? Gibt es eine aktive Berglauf-Szene in Afghanistan?
Kontakt zu Läufern in Afghanistan habe ich keinen. In Bamyan gab es einen Strassenlauf. Aber sonst weiss ich von keinen weiteren Läufen. Der Krieg hat jegliche Entwicklung gebremst.

Auf dem Bauernhof der Familie Luchsinger in Schwanden (GL) hast du eine Zweitfamilie, die dich unterstützt. Fridolin Luchsinger ist ebenfalls ein begeisterter und starker Bergläufer. Zufall oder gab es schon früher eine Verbindung?
Initial habe ich die Familie über Anna Luchsinger, die Frau von Fridolin, kennengelernt. Sie hat einen guten Freund von mir bei Hausaufgaben, im Lernen der deutschen Sprache und beim Sporttreiben unterstützt. So kam der Kontakt zustande. Die ganze Familie gibt mir Tipps und Ratschläge in allen Lebenslagen. Fridolin Luchsinger unterstützt mich vor allem im Bereich des Laufens. Er hat eine grosse Erfahrung und schon an unzähligen Bergläufen und anderen Sportveranstaltungen teilgenommen. Seine sportlichen Wurzeln liegen jedoch im Langlaufsport.

Was sind deine Pläne für die sportliche wie berufliche Zukunft?
Es ist mein Ziel irgendwann den Sprung zum Profi-Läufer zu schaffen. In meinem Beruf will ich mich weiter etablieren. Da liegt der Fokus auf meinem Lehrabschluss im kommenden Jahr.

Herzlichen Dank für das Interview. Wir freuen uns dich am 10. September am Start zu sehen!
Danke auch. Ich freue mich aufs Rennen!

Mehr Informationen zum Lauf & Anmeldung: www.schtollerun.ch

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